Klinische Studien

Schlank durch Schokolade!? Kritische Gedanken zu klinischen Studien…

Schokolade hilft beim Abnehmen. Diese Annahmen bestätigen sich nun in einer Studie des Mainzer Forschungsinstituts „Institute of Diet and Health“, die im März 2015 im Fachmagazin „International Archives of Medicine“ veröffentlicht wurde.

Glaubt ihr nicht? Ihr habt völlig recht! Diese Aussage wie auch die gesamte klinische Studie sind ein kompletter Fake im Auftrag des ZDF. Den genauen Hintergrund inklusive der gesamten Berichterstattung könnt ihr euch in der ZDF-Mediathek anschauen (Quelle s. unten). Natürlich war diese Art von Studie völlig überspitzt; verdeutlicht aber gleichzeitig das Problem mit wissenschaftliche Studien generell. Denn gerade im Bereich Ökotrophologie sowie bei Kosmetikprodukten ist die Anzahl hochwertiger wissenschaftlicher Studien sehr überschaubar. Viele bekannte Ernährungregeln leiten sich oftmals aus Beobachtungs- oder Einzelfallanwendungen ab. Also Vorsicht bei Aussagen wie: „dermatologisch getestet“, „wissenschaftlich geprüft/ belegt“ oder „Wirksamkeit in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen“. FAZIT: Traut also nie einer Studie, die ihr nicht selbst gefälscht habt…

Studiendesigns

Das Ganze wirkt natürlich sehr ernüchternd. Aber ich möchte euch dennoch einige Hinweise an die Hand geben, woran ihr wissenschaftlich hochwertige Studien erkennen könnt, denn im Rahmen meines Pharmaziestudium habe ich mich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und habe auch selbst aktiv mitgewirkt. Nachfolgend stelle ich euch eine kurze Übersicht der verschiedenen Studiendesigns vor:

Studiendesign

Woran erkennt man eine gute Studie?

Der sogenannte „Goldstandard“ zur Durchführung von Studien lautet: „randomisierte, standardisierte Doppelblindstudie“. Hört sich zunächst sehr komplex an und ich möchte euch nicht mit den Fachbegriffen langweilen, aber sie sind schnell erklärt:

  1. Randomisierung = Strukturgleichheit: bedeutet, dass die Auswahl sowie Verteilung der Probanden (Teilnehmer) in verschiedene Versuchsgruppen zufällig erfolgt. Der Auftraggeber der Studie darf darauf keinen Einfluss nehmen, um die Ergebnisse nicht zu seinem Vorteil zu manipulieren.
  2. Standardisierung = Behandlungsgleichheit: bedeutet, dass immer mindestens 2 verschiedene Probandengruppen gebildet werden. Dabei erhält eine Gruppe das zu testende Produkt (Arzneimittel, Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetikartikel etc.), während die anderen einen Placebo oder ein bisher auf den Markt befindliches vergleichbares Produkt/ Therapie etc. bekommen.
  3. Verblindung = Beobachtungsgleichheit: bedeutet, dass weder die Teilnehmer, noch der Auftraggeber oder die an der Auswertung beteiligten Personen wissen, wer welcher Gruppe zugeordnet ist. Die Verblindung wird also von einer unabhängigen Institution durchgeführt, die in den weiteren Studienverlauf nicht mehr involviert ist.

Fazit

Ich hoffe, dass ich mich einigermaßen verständlich ausgedrückt habe. Aber dieses Schema könnt ihr universell auf jede Art von Studie anwenden, um sie nach ihrer Aussagekraft zu beurteilen und die Ergebnisse für euch zu interpretieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt: den Einfluss des Zufalls zu minimieren. Das wird gewährleistet durch die Rekrutierung einer ausreichend hohen Probandenanzahl, die auch die Studie erfolgreich abschließt. In einer hochwertigen wissenschaftlichen Studie wird auch die Anzahl der Studienabbrecher veröffentlicht.

Mithilfe dieser Übersicht werdet ihr viele „Pseudo-Studien“ entlarven, die gezielt manipuliert wurden. Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.


Quellen:

Die dargelegten Informationen entstammen meinen Mitschriften aus den folgenden Vorlesungen meines Pharmaziestudiums an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena von 2003 – 2007, meinen persönlichen Erfahrungen sowie der nachfolgenden Literatur:

  • Vorlesung: „Ökotrophologie“ aus dem 4. Semester – Dozent: PD Dr. Volker Böhm
  • Vorlesung: „Biochemie“ aus dem 5. Semester – Dozent: Prof. Dr. Thomas Winckler
  • Vorlesung: „Pharmazeutisch-Medizinische Chemie aus dem 5.-8. Semester – Dozent: Prof. Dr. Jochen Lehmann
  • Vorlesung: „Grundlagen der klinischen Chemie“ aus dem 5. Semester – Dozent: Prof. Dr. Gerhard Scriba
  • Vorlesung: „Biogene Arzneistoffe“ aus dem 6.-8. Semester – Dozent: Prof. Dr. Thomas Winckler
  • www.presseportal.zdf.de/pm/planet-e-schlank-durch-schokolade
  • Pharmazeutische Zeitung: 17. Ausgabe vom 24.04.2014, 159 JG. (Hinneburg, Iris „Therapiestudien kritisch bewerten“ S. 26-35)

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